Donnerstag, 4. Mai 2017

Glücksmomente - Die Suche nach Perlen

Wie erklärt man Kindern Blindheit?

Als Franzi ins fünfte Schuljahr kam, war ich gerade mal eineinhalb Jahre blind. Mit der Klassenlehrerin hatten wir großes Glück und ich freundete mich relativ schnell mit ihr an. Christiane, Franzis Lehrerin, und ich verstanden uns auf Anhieb und so reifte langsam der Gedanke, dass ich einmal am Unterricht teilnehmen würde, um den Kindern ein wenig das Thema Blindheit zu erklären.

Ich habe mir sehr viele Gedanken gemacht, wie ich am besten auf die Kinder zugehen sollte, um ihnen ein stückweit von dem Gefühl der Blindheit zu vermitteln, aber natürlich auch ohne sie ganz furchtbar zu erschrecken.

 Als erstes forderte ich von unserem Blindenverband im Saarland für alle Schüler/innen das Alphabet in Punktschrift an. In der Apotheke kauften wir für alle Kinder diese typischen Schlafmasken ein und eine Bekannte überließ mir ein Mensch-ärgere-dich-nicht-Brettspiel, extra für Blinde. Dann kaufte ich bei IKEA drei kleine Kisten mit Deckeln ein, die ich mit Erbsen, Linsen und Reis befüllte. Deko-Perlen hatte ich noch zuhause. Die Ideen zu all diesen Dingen hatte ich aus der Reha mitgebracht und fand sie für die Kinder geeignet, um sie vorsichtig mit der dunklen Blindheit zu konfrontieren.

Bewaffnet mit meinen beiden Langstöcken, meinem Farb-Lesegerät (erkläre ich euch noch in einem separaten Beitrag) und mit meiner sprechenden Uhr ging es eines Morgens mit Franzi in die Schule.

Wir bildeten zuerst einen großen Stuhlkreis und alle nahmen Platz. Die Kinder fingen an mir Fragen zu stellen.

Fragen über Fragen, mir qualmte schnell der Kopf und ich dachte, dass übersteh ich nicht.

Die Kinder waren wahnsinnig interessiert und irgendwie war es auch lustig mit den Kindern. Auch Franzi bekam viele Fragen gestellt, die sie ohne zu zögern beantwortete.

Danach setzen sich die Kinder alle wieder auf ihren Platz, an ihre Tische, und Franzi verteilte das Punktschrift-Alphabet an alle Kinder. Damit sie ein Gefühl für meine Dunkelheit bekamen, baten wir sie dann die Schlafmasken aufzusetzen und dann ertasteten sie ganz vorsichtig, mit ihren kleinen Zeigefingern, das Alphabet in Punktschrift.

Anschließend bildeten wir Gruppen mit jeweils vier Kindern. Ich befüllte die Kisten mit den mitgebrachten Zutaten. Eine Kiste mit Erbsen, eine mit Linsen und die andere Kiste mit Reis. Danach legte ich noch jeweils zehn Perlen in jede Kiste und vermischte dies. Wir füllten noch weitere Kisten mit unterschiedlichen Dingen und legten dort Perlen hinein, die die Kinder heraussuchen mussten.

Auf einen Tisch stellten wir das Mensch-ärgere-dich-nicht-Brettspiel und die Kinder hatten 15 Minuten Zeit um dieses Spiel blind auszuprobieren.

Im Wechsel fühlten, spielten und sortierten die Kinder und abwechselnd durften sie mit dem Langstock vorsichtig ertastend durchs Klassenzimmer laufen. Natürlich alles mit den Schlafmasken vor den Augen. Ich erläuterte den Kindern wie man mit dem Langstock am besten umgeht. Ich nehme ihn beispielsweise in die rechte Hand und lege den Griff zwischen Zeigefinger und Daumen. Am Ende des Stocks befindet sich eine kleine Kugel. Dann rolle ich ihn über den Boden oder ich tippe ihn nach rechts und links und kann so diverse Hindernisse im Weg ausschließen.

Ich muss sagen, dass die Kinder das Erklärte sehr gut umsetzten. Sie waren aufgeregt, enorm interessiert und manchmal mussten Christiane und Franzi natürlich augenzwinkernd aufpassen, dass nicht geschummelt wurde.

Ich hatte einen Riesenspaß.

Als die zwei Schulstunden zu Ende waren, waren die Schüler immer noch total aufgeregt und ich muss sagen, sie waren emotional auch sehr ergriffen. Und wie Kinder so ehrlich reden, sagten sie mir auch, dass sie es furchtbar finden würden im Dunkeln dies und das zu tun und natürlich würden sie nicht mit mir tauschen wollen.

Diese ziemlich spontane Aktion machte schnell die Runde an Franzis Schule und ich wurde noch drei weitere Male gebeten, zusammen mit Christiane einen Unterricht in dieser Form zu gestalten. Zwei weitere Schulen hatten sich daraufhin auch noch bei mir gemeldet und so besuchte ich auch dort Schulklassen. Als Franzi im letzten Jahr ein Praktikum an einer Förderschule absolvierte, habe ich auch dort, zusammen mit Franzi, so einen Unterricht gestaltet.

Kindern und Jugendlichen das Gefühl zu vermitteln nicht sehen zu können und sie zu motivieren verschiedene Dinge im Dunkeln zu tun, hat mir viel Freude bereitet.

Und manchmal, wenn ich von dunkler Langweile heimgesucht werde, wurschtel ich in den Kisten herum und suche nach Perlen.

Eure Kerstin

Anmerkung:

Dieser Beitrag enthält vier Bilder. Das Titelbild zeigt eine kindliche, weibliche Bronzefigur, die eine Augenbinde trägt. Auf dem zweiten Bild ist eine Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielfigur abgebildet und das dritte Bild zeigt ein kleines, weißes Männchen mit dunkler Sonnenbrille, Armbinde und einem Blindenstock. Das letzte Bild zeigt perlmuttschimmernde Perlen auf einem weißen Hintergrund.



Kommentare:

  1. Liebe Kerstin,

    was für eine wundervolle Idee, Kinder so feinfühlig an Blindheit herantasten zulassen. Mein Respekt für diese tolle Umsetzung.

    Herzallerliebste Grüße

    Anja

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    1. Hallöle Anja. Es war wirklich eine super Aktion und hat mir viel Spaß gemacht. Franzis mit Schüler hatten ab diesem Zeitpunkt keine Berührungsängste mehr mir gegenüber. Und das war echt super… drück dich und dicken Schmatzer… kerstin

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  2. Hallo liebe Kerstin, da bin ich schon wieder. Diesen Beitrag fand ich wieder sehr ansprechend. Kinder können, so glaube ich, viel mehr verstehen als man denkt. Sie sind neugierig und haben noch nicht diese Berührungsängste wie Erwachsene. Diese Aktion ist wirklich klasse und es sollte viel mehr davon geben. Es gibt so viele Handicaps, die erklärt werden wollen. Auch die Erwachsenen, egal ob Leherer, Erzieher und Eltern können davon profitieren. Und eben auch Betroffene wie Du selbst.
    Danke für diesen Mut-mach-Beitrag
    Liebe Grüße und bis dann mal
    Kerstin

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    1. Huhu! Da ist sie ja wieder-meine Namens Kollegin. Freut mich Kerstin, von dir zu hören. Und natürlich freut es mich noch mehr, dass dir dieser Beitrag gefällt. Du hast recht-Kinder haben keine Berührungsängste und stellen dir fragen ohne Ende. Ich finde auch, dass so etwas öfters gemacht werden sollte. Ganz egal welche Art der Behinderung. Wünsch dir noch einen schönen Abend und bis bald… kerstin

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  3. Hallo Kerstin,
    Ich habe diesen Bericht meiner jüngeren Tochter (8. Klasse) gezeigt. Sie fand die Idee und die Durchführung einfach nur klasse. Warum wird so eine Chance nicht mehr Kindern gegeben?
    Viele Grüße
    Silvia

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    1. Hallo Silvia. Ich kann dir darauf leider keine Antwort geben. Ich würde vielleicht an deiner Stelle mal mit der Schulleitung reden und dich dann an euren entsprechenden Landesverband für sie Behinderte und blinde wenden. Ich denke mir mal, dass niemand vom Verband davon abgeneigt ist, zur Schule zu kommen und mit den Kindern dies durchzuführen. Ich würde dies ja ausführen – aber ich weiß nicht wo ihr wohnt und wie weit mein Anreise Weg wäre. Liebe Grüße Kerstin

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  4. Hallo Kerstin

    Das ist eine sehr gute Idee. Wenn man Kindern alles gut erklärt, verstehen sie es auch. Kinder sollten möglichst früh lernen, mit den Behinderungen anderer Menschen klar zu kommen. Es sollte ein ganz natürlicher Bestandteil ihres Lebens werden. Leider hat man das in meiner Kindheit versäumt.

    Liebe Grüße,
    Gisela

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    1. Hallo Gisela. Du hast recht! Diese Thematik sollte an allen Schulen besprochen werden. Aber dies umzusetzen ist scheinbar schwierig. Franzi, die leer Amt für Förder Schule studiert ist der selben Meinung. Liebe Grüße Kerstin

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