Freitag, 12. Mai 2017

Glücksmomente - Nordic Walking

Blind und Fitness im Wald, geht das?

Ich muss euch wirklich gestehen, dass ich in meinem früheren, sehenden Leben immer etwas geschmunzelt habe, wenn ich Menschen gesehen habe, die mit ihren Nordic Walking-Stöcken durch den Wald marschiert sind.

Für mich persönlich war das ein unvorstellbarer Sport, dachte ich.

Wieder einmal wurde ich eines Besseren belehrt, denn im Frühjahr 2012 entdeckte ich diesen Sport für mich.


Mein lieber Mann Oliver ist ein begnadeter Läufer und er braucht deshalb des Öfteren neue Laufschuhe. Wir hatten bis vor zwei Jahren in unserem Dorf ein Sportgeschäft und der Besitzer des Ladens war ein ehemaliger Nachbar von mir aus Kindheitstagen. Oliver kaufte seine Laufschuhe immer bei Rudi und Oliver sagte eines Tages zu mir: „Kommt Kerstin, fahr doch mit zu Rudi, der freut sich sicherlich, wenn er dich mal wieder sieht“.

Ich war schnell überredet und während Oliver neue Laufschuhe ausprobierte, plauderte ich ausgiebig mit Rudi über Dies und Jenes. Da Rudi ein begeisterter Nordic Walker ist, versuchte er mich zu überzeugen, diesen Sport doch einmal auszuprobieren, denn er wusste, dass ich einige Sportarten auf Grund meiner Erblindung nicht mehr durchführen kann.

Ich?
Mit zwei Stöcken?
Blind durch den Wald laufen?
Unmöglich!

Mein „Unmöglich“ wollte er aber nicht hinnehmen und so kam es, dass er uns je zwei Nordic Walking-Stöcke mitgab, um den Sport einfach mal auszuprobieren. Oliver, total euphorisch, fuhr umgehend in den nächsten Wald. Und ich dachte nur:

„Na super. Ich blindes Huhn in ausgeleierter Joggingbuxe und ausgetretenen Sportschuhen, gebe bestimmt ein herrliches Bild ab.“

Ich befestigte die Stöcke an meinen Handgelenken und ich wusste immer noch nicht, ob ich das wirklich nun tatsächlich ausprobieren wollte. Ich sollte alleine, hinter Oliver herlaufen, ohne mich an seinem Arm festzuhalten.

„Das geht nicht! Ich kann das nicht!“, sagte ich zu Oliver und das hieß auch, ich wollte gar nicht!

Oliver ließ nicht locker und so ging er einfach drauflos. Mir blieb nichts Anderes übrig, als ihm zu folgen. Das fand ich zumindest besser, als dusselig und allein im Wald rumzustehen.

Ihr Lieben, es funktionierte.

Oliver ging voran und anhand der Geräusche, die Oliver mit seinen Stöcken produzierte, konnte ich ihm nach Gehör folgen. Da Oliver wie gesagt eine absolute Sportskanone ist, legte er ein gutes Tempo vor und ich hechelte ihm hinterher. Das muss gigantisch ausgesehen haben.

In schnellem Schritt ging es durch den Wald. Ich roch den Wald, hörte den Geräuschen des Waldes zu, fühlte den weichen Waldboden unter meinen Füßen und plötzlich fand ich Gefallen daran. Leute aus unserem Dorf gingen an uns vorbei, staunten und wieder fragten sie sich:

Wie macht sie das? Kann sie wieder sehen?

Je öfter wir Walken gingen, umso sicherer wurde ich. Immer mehr konnte ich den Wald genießen und die Fitness tat mir unwahrscheinlich gut.

Natürlich ist nicht alles rosig, wenn wir walken, denn wenn von hinten Läufer kommen, Fahrradfahrer an mir vorbeifahren oder Spaziergänger an mir vorübergehen, die sich auch noch unterhalten, dann werde ich sehr unsicher. Die Geräuschkulisse nimmt mir dann nämlich die Orientierung, da ich die Geräusche von Olivers Nordic Walking-Stöcken nicht mehr wahrnehmen kann. Am liebsten bleibe ich dann einfach stehen und warte bis die Menschen an mir vorbei sind.

Mittlerweile geht Oliver ohne Stöcke voran, da er unsere beiden Hunde an der Leine führt. Es macht mir wahnsinnig viel Spaß. Ab und an treffen wir auch Menschen die wir kennen und man plaudert ein wenig miteinander. So habe ich etwas für meine Fitness getan und genieße zudem soziale Kontakte.

Meine persönliche Höchstleistung waren fast 12 km, die ich gewalkt bin und ich muss sagen, da war ein ordentlicher Muskelkater vorprogrammiert, bei dem plötzlich Muskeln schmerzten, von denen ich nicht wusste, dass es sie gibt.

Ob sehbehinderter, blind oder sehend, Nordic Walking ist ein toller Sport der viel Freude bereiten kann. Ich genieße die Bewegung an der frischen Luft, höre den Wind und die Vögel zwitschern.

Als ehemalige Schmunzlerin, über diesen optisch lächerlich aussehenden Sport, kann ich euch heute nur ans Herz legen, probiert ihn mal aus.

Eure Kerstin


PS: Habt ihr Fragen die euch auf der Seele brennen und dir ihr schon immer mal einem blinden Menschen stellen wolltet? Was interessiert euch? Fragt mich doch einfach und schmeißt eure Berührungsängste einfach über Bord.

Anmerkung:

In diesen Beitrag sind zwei Fotos von mir eingebettet, die mich an einem sonnigen Tag beim Nordic Walking im Wald zeigen. Des Weiteren könnt ihr euch ein Video anschauen, wie ich durch den Wald walke.




Kommentare:

  1. Ich habe den Sport damals in der Berufsschule ausprobieren dürfen und fand es eigentlich ganz cool durch den Wald zu laufen und den Wald genießen zu dürfen! Ich könnte mir das auch nicht sehend ganz gut vorstellen, sollte ich mal im Hinterkopf behalten, sollte es mal so weit sein!

    Liebste Grüße,
    Vivka

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    1. Hallo, meine Liebe. Ich hatte anfangs auch meine Probleme. Weißt du, es ist nicht so einfach blind zu vertrauen. Aber es funktioniert und zusammen mit Oliver macht dies unwahrscheinlich viel Spaß. Ich würde dies auch mit keinem anderen tun. Also. Wenn es einmal soweit sein sollte bei dir – denk an mich und probier es aus. Ganz liebe Grüße und drück dich ganz feste… Cerstin

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    2. Das glaube ich sofort und ich werde es auf jeden Fall ausprobieren, ich verkrieche mich zwar anfangs durchaus, wenn irgendetwas in meinem Leben schiefgeht, aber nicht lange und dann nutze ich alles was ich irgendwie hinbekomme, also probiere ich möglichst alles aus. Aber auch nur mit den richtigen Personen, aber ich denke, da habe ich zwei ganze gute Leute an meiner Seite.

      Liebste Grü0e und ich drücke dich mal zurück,
      Vivka

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    3. Hallo😉 Immer den Kopf hoch! Verkriechen bringt und hilft auch nichts. Denn das Leben geht immer weiter… liebe Grüße aus der Ferne...Kerstin😘

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  2. Hallo Kerstin, Nordic Walking ist toll, ich mache das auch oft und gerne und am liebsten alleine.
    Es ist einfach schön draußen zu sein und wie du schreibst die Geräusche und Gerüche des Waldes aufzunehmen.
    Ich traue mich jetzt einfach mal zu fragen. Wenn Du durch den Wald oder die Natur gehst, hast du dann noch Bilder im Kopf wie es ausgesehen hat vor Deiner Erblindung oder es aussehen könnte? Behält man diese Bilder trotzdem im Kopf?
    Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende, bis dann, liebe Grüße
    Kerstin

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    1. Hallo Kerstin. Entschuldige die Verspätung – aber ich hatte einiges zu tun. Deine Frage auf die Erinnerung Wahrnehmung finde ich absolut klasse! Die Erinnerung an die optische Wahrnehmung ist bei mir immer noch vorhanden. Ich habe immer noch sehr viele Bilder vor Augen und sei es nur ein Foto. Und dies ist schön. Ich weiß noch wie unser Garten aussieht, unser Haus und so weiter. Auch die räumliche Wahrnehmung ist geblieben und zu habe ich zu Hause gar keine Probleme. Ich hoffe, ich habe deine Frage gut beantwortet. Liebe Grüße… Das blinde Huhn 😊

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  3. Liebe Kerstin,

    ich stelle es mir wirklich schwer vor, einfach los zu laufen. Es wird doch sicher immer Angst da sein zu stolpern, sich zu verletzten, oder kannst du Angst so ausblenden?

    Bin sehr gespannt, wie du Janna Frage beantworten wirst.

    Viele liebe Grüße

    Anja

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    1. Hallo Anja. Es ist auch nach fünf Jahren nicht immer einfach und natürlich habe ich auch Angst. Aber ich blende diese Angst schon beim loslaufen aus und vertraue Oliver blind. Natürlich bin ich auch schon gestolpert und gefallen – aber das ist schnell vergessen. Ich ärgere mich dann über mich selbst. Aber dieses kann auch sehende Menschen passieren. Liebe Grüße Kerstin

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    2. hallo Kerstin,
      ich sehe auf dem Clip, dass 2 Hunde vorauslaufen. Ist das eine Hilfe, oder führst Du die nur Gassi?
      Worauf ich hinaus will, warum hast Du keinen Führhund? Unser Blinder in der SHG hat einen und das sieht recht gut aus Grüßle aus Reutlingen Dieter

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    3. Hallo Dieter
      Die beiden Hunde sind unsere Hunde. Ich selbst habe keinen für Hund. Ich habe zu den Thema für Hund meine eigene Einstellung. Diese werde ich dir bei unserem Telefonat mal erklären. Liebe Grüße Kerstin

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